Sommersemester 2026
Wenn Sie diesen Satz gelesen haben, werden Sie vermutlich gleich danach leicht sagen können, wie er lautete bzw. lautet. Und auch, was sein Inhalt war. Bei Sätzen, die Sie vorgestern gelesen haben, ist das aber wohl nur ausnahmsweise so. Und auch diesen ersten Satz, den Sie eben noch präsent hatten, können Sie vielleicht schon jetzt nicht mehr ganz wörtlich wiedergeben, ohne ihn davor nochmal zu lesen – was aber in der Schriftwelt (also hier) problemlos geht, denn oben steht er ja und kann beliebig oft gelesen werden. Und nach dem Wiederlesen klappt es mit dem Merken auch vielleicht schon besser. Und nach dem dritten oder vierten Mal noch besser. Allerdings dürfte der Satz Ihnen dann schon auf die Nerven gehen. Und wäre übermorgen – nach vielen weiteren, ganz anderen Sätzen zwischendurch – doch höchstwahrscheinlich ‚wieder weg‘.
Was man von einem Text (und was man überhaupt) behält, hängt von vielen Faktoren ab, die man sich beim Lesen (und im Leben) kaum bewusst macht. Manche Zeichenkette prägt sich gleich unauslöschlich ins Gedächtnis – teils Wort für Wort, teils nur dem Inhalt nach, aber prägnant und jederzeit reproduzierbar. In seltenen Fällen bleibt sogar der Leseakt (oder das erste Hören) noch in Erinnerung. Anderes mag man sich durch mehr oder weniger mühevolles Auswendiglernen wörtlich einprägen oder von anderen eingebläut bekommen. Weit mehr aber, und zumal Längeres, merkt man sich höchstens ungefähr. Vor allem auf Dauer bleibt oft nur ein grobes Gerüst (‚Da ist einer unglücklich verliebt, schreibt darüber Briefe und bringt sich dann um.‘), ein vages Wissen um das Thema (‚Irgendwie ging es um eine norddeutsche Bürgerfamilie.‘) oder eine Stimmung (‚Ich weiß nur noch, dass es superspannend war.‘). Vieles ist vielleicht gar nicht mehr aktiv erreichbar, aber doch insoweit noch ‚da‘, dass man irritiert ist, wenn darüber Unzutreffendes geäußert wird (‚Also so steht das in Brechts Mutter Courage ganz sicher nicht!‘). Das Allermeiste aber, was man liest, wird im Regelfall spurlos vergessen. Und das ist oft auch gut so.
Hat man allerdings einmal gemerkt, dass man auf der einen Seite eh so gut wie nichts vom insgesamt Vorhandenen lesen und auf der anderen eh so gut wie nichts vom insgesamt Gelesenen behalten kann, legt das – zumal, wenn man am Lesen keinen Spaß oder ständig Besseres zu tun hat – den Schluss nahe, es lieber gleich ganz sein zu lassen. Und wer im Leben nicht oder nur punktuell auf Schrifterfassung angewiesen ist, hat damit kein Problem. Will man allerdings auf Feldern reüssieren, wo Belesenheit traditionell viel gilt, wird es ohne Lesen schwerer.
Ein naheliegender Ausweg ist, sein Pensum dahingehend zu optimieren, stets nur möglichst kurze Fitzelchen oder (KI-)Zusammenfassungen zu lesen (wie vielleicht auch schon bei diesem Text). Und zwar stets genau nur im und für den Augenblick, wo man sie (etwa zum Creditpoint-Erwerb in einem Germanistikstudium) gerade braucht, um sie danach gleich wieder auszuscheiden, um Platz für das nächste Fitzelchen zu schaffen, das genau ins nächste Nutzzeitfenster passt. Das klingt effektiv, schließlich spart man so vermeintlich Zeit und Speicher. Indes wächst dadurch auf Dauer die Wahrscheinlichkeit, einen kognitiven Habitus zu kultivieren, für dessen Außenseite der Volksmund uncharmante Ausdrücke wie ‚Dünnbrettbohrer‘, ‚Blender‘ oder ‚Hohlbrot‘ vorhält. Denn die Erfahrung zeigt, dass man ohne den Luxus eines größtenteils ‚ineffizienten‘ allgemeinen Wissensfundus sowie vielfach ‚müßiger‘ Schmöker-Trainings-Einheiten leseökonomisch in der Summe arm bleibt, weil die Teile ohne Kontext wertlos sind und deshalb keinen Schatz bilden.
Entsprechend gilt es, je nach Begehrens- und Lebenslage zwischen der Unmöglichkeit, alles, und der Gefahr, nichts oder nur Unzureichendes zu erfassen und bewahren, einen möglichst freud- und sinnvollen Weg zu finden. Um die diesbezüglichen Optionen und Determinationen zu erkunden und zu reflektieren, lädt das Seminar dazu ein, sich gemeinsam auf die Verzwicktheit der Verhältnisse von Lesen, Wiederlesen und Vergessen einzulassen. Das erfordert zum einen die Bereitschaft, sich mit elementaren Erkenntnissen der Lese- und Gedächtnisforschung zu befassen, sowie zum anderen die, sich und andere dabei zu beobachten, wieviel und was man unter welchen Voraussetzungen aufnimmt und wieder vergisst. Exemplarisch sollen dazu überwiegend kurze bis minime Texte aus dem deutschsprachigen Literaturkanon – namentlich Gedichte, Aphorismen, Witze, Kurzgeschichten und Parabeln – bewusst gelesen und ihr Sich-Verflüchtigen so gut es geht erhascht werden. Die konkrete Textauswahl kann erst getroffen werden, wenn klar ist, wer real teilnimmt, um Bekanntes, Unbekanntes, Halbbekanntes und Nichtmehr-Bekanntes individuell und teambezogen zuteilen zu können. Unabhängig davon dient als längerer gemeinsamer Bezugstext zum Thema: Ray Bradbury: Fahrenheit 451 (1953). Ihn zu Kursbeginn schon oder noch im Kopf zu haben, kann nicht schaden.
