Panoramatisches Erzählen

Sommersemester 2026

In der Kunst scheint es ganz einfach: Wenn ein Bild sehr breit wird und viel zeigt, wird es ‚panoramatisch‘. Im Extremfall wölbt es sich rundum zur 360°-Zylinderinnenfläche eines ‚Panoramas‘ (gr. ‚πᾶν‘ für ‚alles‘; ‚ὅραμα‘ für ‚Sicht‘), wie Robert Barker es 1787 patentiert hat. Oder gar zur Georama-Kugel oder den 360°-VR-Welten von heute, die in jede Richtung alles bieten wollen.

Indes wird gerade beim Rotundenbild besonders augenfällig, dass perzeptorisch limitierte Kreaturen wie der Mensch ein ausgedehntes ‚Alles‘, das ‚auf einmal‘ dargeboten wird, nicht auch auf einmal registrieren können. Vielmehr müssen sie dafür den Blick mobilisieren und eine Sehspur aufnehmen, die Allpräsentation also erfahren, ohne sie dabei je ganz zu überblicken. Umgekehrt gibt es durchaus An- und Aussichten, die zumindest temporär die Illusion erzeugen, ‚alles‘ vor einem auszubreiten und dafür oft nicht einmal 360° brauchen. Selbst im Visuellen funktioniert die Allschau also nicht so glatt, wie der Ausdruck ‚Panorama‘ suggeriert.

Beim literarischen Erzählen ist die Lage noch vertrackter: Hier wirkt die Rede vom Panoramatischen auf den ersten Blick ganz unsinnig, denn als eindimensionale Kette geordneter diskreter Zeichen bildet die mündlich oder schriftlich vorgetragene Geschichte, so wie jeder Text, das Schmalspurmedium per se. Deshalb kann man sie medial auch kaum erweitern, ohne schnell den narrativen Faden zu verlieren. Diesbezügliche Avantgardevorstöße, etwa mittels multipler Schriftlinien (analog zu den parallelen Einzelstimmen in Orchesterpartituren) oder (typo)graphischer Expansionen, blieben bei aller visionären Kühnheit ephemer. Und so überrascht es zunächst nicht, wenn ‚panoramatisches Erzählen‘ im Kernbereich der klassischen Erzähltheorie (Stanzel, Lämmert, Genette, Bal, Cohn, Booth, Vogt, Wolf Schmidt u.v.a.) kein Thema ist.

Unterdes spricht man auch dort durchweg von ‚Perspektivierung‘, ‚Blickwinkeln‘ oder ‚Fokussierung‘, Genette gar explizit von ‚Nullfokalisierung‘ – was nominell genau dem ‚unbegrenzten‘ 360°-Bildrahmen entspräche, aber bei ihm offenkundig nicht rein visuell, sondern zumindest partiell metaphorisch aufgefasst ist. Trotzdem scheint es irgendwie plausibel, auch beim Erzählen ‚enge(re)‘ und ‚weite(re)‘ Perspektiven in Betracht zu ziehen. Und wenn von ‚epischer Breite‘ auch allgemein seit je die Rede ist, warum dann nicht auch fallweise von ‚überbreiten‘ oder eben gar ‚panoramatischen‘ Erzählweisen? Als Indiz dafür, dass dies weder ein Widerspruch in sich noch eine Leerformel sein muss, kann auch die im Feuilleton und auf dem Buchmarkt herrschende Neigung gelten, Erzählwerke und namentlich Romane, aber auch Sachbücher als ‚Panorama‘ zu bezeichnen und zu bewerben – wenngleich überaus verschiedene, so dass nicht klar ist, was genau der Terminus hier meint.

Angesichts dieser verwickelten Ausgangslage sollte es umso fesselnder sein, der Frage, was ‚panoramatisches Erzählen‘ sei, in einem Seminar gemeinsam nachzugehen. Dazu bietet es sich an, zunächst bei der Motivik anzusetzen und also danach auszuschauen, wo ‚Panoramen‘ oder ‚Panoramablicke‘ in der Literatur prominent vorkommen. Im Zentrum steht dann allerdings die Frage, was ‚panoramatisch‘ als Erzählform heißen kann: Wie ‚zieht‘ eine Erzählinstanz ‚den Winkel auf‘? Wie bekommt sie – und damit auch das lesende Auge – ‚alles in den Blick‘? Korreliert ‚panoramatisches Erzählen‘ mit dem Vorhandensein eines ‚Allwissenden Erzählers‘ (Friedrich Spielhagen)? Besteht eine Verbindung zu erzählerischer Mehr- bzw. Vielsträngigkeit oder dem Ausmäandern der Diegesewelt in einzelne Episoden? Oder zu ausladender Ekphrasis, bzw. hier speziell: der veranschaulichenden Schilderung von weit bis rundum erstreckten oder wimmelnden Tableaus? Oder mit ‚allumfassenden‘ Enumerationen?

Diesen Fragen soll im Seminar in miteinander korrespondieren Expertisengruppen nachgegangen werden. Im Zentrum stehen dabei die Romantrilogie Die Schlafwandler(1930-1932) von Hermann Broch sowie H.G. Adlers Panorama. Roman in zehn Bildern(1948; EA: 1968). In beiden Werken ist das Panorama – hier konkret das sogenannte Kaiserpanorama – nicht nur ein markantes bzw. titelgebendes Motiv, sondern sie bieten sowohl mikro- wie auch makrostrukturell eine ganze Fülle an formal panoramatischen Aspekten. Diese gilt es unter umsichtigem Einbezug des historischen Kontexts – H.G. Adler war zugleich Betroffener und wesentlicher Dokumentarist der Shoah (vgl. zentralTheresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, 1955, sowie: Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland, 1974) – sowohl einzeln wie vergleichend zu erhellen.

Je nach Seminarauslastung können zudem Seitenüberblicke auf den literarischen Blick vom Turm, vom Gipfel, aus der Gondel, aus dem Zug, ins Weltall sowie aus dem Weltall auf die Erde geworfen werden.