Sommersemester 2019
Der Begriff ‚Zeitgenossenschaft‘ wirkt offenbar so selbsterklärend, dass er weder im Standardlexikon Geschichtliche Grundbegriffe noch im Metzler-Lexikon Kultur der Gegenwart verzeichnet ist. Und auf den ersten Blick scheint alles auch ganz klar: Erasmus von Rotterdam (ca. 1467-1536) und Martin Luther (1483-1546) waren Zeitgenossen, so wie später Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805) oder heute Terézia Mora und Jan Wagner (beide *1971), d.h. sie lebten bzw. leben stets jeweils zur gleichen Zeit. Zu diskutieren wäre höchstens, wie groß die Lebensdatenüberschneidung mindestens zu sein hat, sofern etwa die Zeit, die Heinrich Lübke (1894-1972) und Terézia Mora gleichzeitig gelebt haben, als zu kurz empfunden würde, um sie nach dieser kalendarischen Begriffsauffassung noch als ‚Zeitgenossen‘ zu bezeichnen.
Ziemlich zeitgleich zu Erasmus und Luther lebte allerdings auch der chinesische Kaiser Zhu Houzhao, so wie zeitgleich mit Goethe und Schiller in gleicher Rolle Yóngyan. Und während Terézia Mora und Jan Wagner in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ihre Triumphe feiern, leitet Xi Jinping gerade die Geschicke Chinas. Auffällig ist nun, dass die Sätze ‚Luther und Erasmus waren Zeitgenossen‘ und ‚Zhu Houzhai und Luther waren Zeitgenossen‘, obwohl chronikalisch gleichermaßen zutreffend, spürbar Verschiedenes implizieren. Denn während letzterer bloß die Tatsache ausdrückt, dass zwei menschliche Individuen im realen Universum zur gleichen Zeit am Leben waren, meint ersterer tendenziell weit mehr. Aber was genau?
Nach welchen Kriterien sind Menschen nicht bloß kalendarisch, sondern quasi im Vollsinn Zeitgenossen? Wenn sie ‚mal voneinander gehört‘ haben? Ein- oder wechselseitig? Wieviel mindestens? Wenn sie sich begegnet sind? Wie direkt? Wie oft? Wie lang? Wenn sie gemeinsame Bekannte, Themen, Fragen oder Meinungen hatten? In denselben privaten oder öffentlichen Foren unterwegs waren? Gemeinsam oder gegeneinander agiert haben?
Eine allgemeine Hypothese könnte lauten: Wirkliche Zeitgenossenschaft besteht darin, wenn Menschen – im Gegensatz zu Schiller und Yóngyan und wohl auch anders als Terézia Mora und Xi Jinping – eine gemeinsame Gegenwart geteilt haben bzw. teilen. Aber was ist eine geteilte Gegenwart? Was genau wird da wie lange und wie intensiv geteilt? Muss man dafür – zumal in der Literatur(geschichte) – überhaupt notwendig gleichzeitig am Leben (gewesen) sein? Kann man z.B. nicht auch heute in dem Sinn ein Zeitgenosse Hildegard von Bingens sein, dass diese einem bei weitem gegenwärtiger erscheint als die allermeisten Menschen, die zufällig gerade leben? Und gibt es Zeitgenossenschaft womöglich nicht nur relativ zu einzelnen Anderen, sondern auch in übergreifenden Epochenkategorien wie ‚Zeitgemäßheit‘, ‚Atmosphäre‘, ‚Stimmung‘ oder ‚Mode‘?
Ziel des Seminars ist es, sich den so umrissenen Problemkreis gemeinsam zu vergegenwärtigen. Exemplarisch sollen dazu drei literatur- bzw. zeitgeschichtliche Querschnitte bzw. Momentaufnahmen von nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell unterschiedlichen Epochengegenwarten erstellt und analysiert werden, konkret: um 1500: Sebastian Brandt, Das Narrenschiff; um 1800: Goethe/Schiller, Xenien; und um 2019: N.N; jeweils samt den darin je vorhandenen Optionen eminenter Zeitgenossenschaft – und damit auch: prägnanter Nicht-Zeitgenossenschaft oder Zeit-Un-Genossenschaft. Die endgültige Text- und Themenwahl erfolgt in der ersten Sitzung. Begründete Nominierungen für signifikant zeitgenössische Phänomene um 2019 sind willkommen.
